Neuer Kopfschmuck für Edmontosaurus regalis

Meinen Einstiegspost möchte ich einem eigentlich schon recht lange bekannten Dinosauriern widmen, nämlich Edmontosaurus regalis einem Vertreter der Hadrosauridae, umgangssprachlich auch „Entenschnabel-Dinosaurier“ genannt, welche während der Kreidezeit auf verschiedenen Kontinenten, vor allem  Nordamerika und Asien, verbreitet waren.

Hadrosauriden waren große pflanzenfressende Dinosaurier, die sich meist vierbeinig fortbewegten. Ihre Größe variierte von relativ kleinen Arten wie dem etwa sechs Meter langen Bactrosaurus bishin zu gigantischen über 15m langen Vertretern wie Shantungosaurus bzw. Huaxiaosaurus. Charakteristisch für Hadrosauriden sind außerdem die vielfältigen knöchernen Kämme, die teils eine Zapfenform, teils aber auch eine eher helmartige Erscheinung hatten.

Schädel verschiedener Hadrosauriden, Tsintaosaurus (R) ist nicht mehr aktuell (siehe unten). by Danny Cicchetti under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

Schädel verschiedener Hadrosauriden, Tsintaosaurus (R) ist nicht mehr aktuell.*
by Danny Cicchetti under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

* =>  The Unicorn Dinosaur that wasn’t: a new reconstruction of the crest of Tsintaosaurus and the early evolution of lambeosaurine crest and rostrum

Die Hadrosauriden mit diesen knöchernen Kämmen werden als eine eigene Unterfamilie, die Lambeosaurinae, zusammengefasst. Bei der anderen Unterfamilie (Saurolophinae) waren diese Kämme kaum bis gar nicht vorhanden. Man nahm deshalb an, dass Saurolophinen einfach unspektakulärer als ihre lambeosaurinen Vetter waren, bis jetzt zumindest.

Ein Kamm für Edmontosaurus regalis

Die Gattung Edmontosaurus (Synonyme u.a. Anatosaurus und Trachodon) umfasste verschiedene große Saurolophinen aus der Oberkreide von Kanada, den USA und eventuell auch Japan. Anerkannte Arten sind E. annectens und E. regalis.[1]

Größenvergleich zwischen den beiden Edmontosaurus-Arten. E. annectens erreichte aber wohl ausgewachsen ähnliche Ausmaße wie E. regalis. by Nobu Tamura under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Größenvergleich zwischen den beiden Edmontosaurus-Arten. E. annectens erreichte  ausgewachsen aber wohl ähnliche Ausmaße wie        E. regalis.
by Nobu Tamura under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Der etwa acht Tonnen schwere Edmontosaurus regalis lebte in einer Küstengegend am Rand eines Flachmeeres (Western Interior Seaway), das während der Kreidezeit Teile Nordamerikas bedeckte. Ihren Lebensraum teilte sich die Art unter anderem mit dem Ceratopsier Pachyrhinosaurus, dem Ankylosaurier Euoplocephalus und den beiden fleischfressenden Tyrannosauriden Daspletosaurus und Albertosaurus.[2]

Berühmt ist Edmontosaurus (genauer die Art E. annectens) auch für die sogenannten „Dino-Mumien“.

Hauptabdrücke der "Dino-Mumie" Dakota. by Kabacchi under Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Hautabdrücke der „Dino-Mumie“ Dakota.
by Kabacchi under Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Dabei handelt es sich um Fossilien, bei welchen noch Weichteile wie die Haut zu erkennen sind. Genaugenommen sind das aber keine richtigen Mumien, zumindest nicht mehr. Die einstige Dinosaurier-Mumie ist wie jedes andere Dino-Skelett fossilisiert, das heißt, dass die organischen Materialien des Körpers im Laufe der Jahrmillionen durch Material aus dem umgebenden Gestein ersetzt wurden, wir haben es hier also nicht mehr mit dem eigentlichen Kadaver zu tun.

Wie bereits erwähnt, waren diese „Mumien“ bis jetzt nur von der Art E. annectens bekannt. Neu ist, dass jetzt auch eine „Mumie“ von E. regalis gefunden wurde. Und noch besser ist, dass dieses Fossil über eine Struktur verfügt, die so noch von keinem Dinosaurier bekannt ist: ein Kamm aus weichem Gewebe. Beschrieben wurde dieser Fund von Bell et al. in einem aktuellen Paper, das in Current Biology veröffentlicht wurde.

Das Fossil um das es hier geht hat die Katalognummer UALVP 53722 und stammt aus der Wapiti Formation, 75km westlich der Stadt Grande Prairie im kanadischen Alberta.

E. regalis mit Schädelkamm. by Nobu Tamura under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

E. regalis mit Schädelkamm.
by Nobu Tamura under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Die Gesteine der Formation werden auf die obere Kreidezeit, genauer das Campanium, datiert und sind etwa 72,5 Mio. Jahre alt. UALVP 53722 liegt in einem einzigen großen Sandstein-Brocken, erhalten sind der Schädel sowie je vier Hals- und Rückenwirbel. Ober- und Unterkiefer fehlen. Ähnlich wie bei den „Mumien“ von E. annectens sind bei UALVP 53722 Abdrücke der Schuppen entlang des Halses und des Rückens vorhanden, im Bereich des Gesichts sind sie dagegen nicht erhalten. Stattdessen findet sich im Bereich des Schädeldachs ein 33cm lange und bis zu 20cm hoher kuppelartiger Hautabdruck. Dieser Kamm hat tatsächlich eine dreidimensiole Struktur, ist mit dem Schädel verbunden und besteht aus im Durchmesser 3-4mm großen Schuppen.

Der Lambeosaurinae Parasaurolophus mit spekulativem "Hautlappen" zwischen Kamm und Nacken. by Tomozaurus under Creative Commons Attribution 3.0 license.

Der Lambeosaurinae Parasaurolophus mit spekulativem „Hautlappen“ zwischen Kamm und Nacken.
by Tomozaurus under Creative Commons Attribution 3.0 license.

Das ist insofern erstaunlich, da es bei Edmontosaurus bis jetzt keinerlei Anzeichen eines Kopfschmucks gab. Man hat zwar gemutmaßt, dass vor allem die Lambeosaurinen auch weichteilige Komponenten an ihrem Kamm hatten, bewiesen werden konnte das aber noch nicht.

Aber warum findet man erst jetzt Fossilien solcher Weichteile? Die Autoren des Papers haben dafür zwei Erklärungsversuche. Erstens ist es gut möglich, dass solche Abdrücke bei früheren Funden gar nicht als solche erkannt wurden und bei der Präparation der Fossilien verloren gingen, zweitens besteht die Vermutung, dass der Kamm eine sogenannte Autapomorphie von E. regalis ist. Autopomorphien sind Merkmale, mit denen sich eine Art eindeutig von einer anderen Art unterscheiden lässt. Und da UALVP 53722 die erste bekannte „Dino-Mumie“ von E. regalis ist, würde es nicht verwundern, wenn der Kamm bei den weniger gut erhaltenen Fossilien einfach nicht mitfossilisiert ist.

So, stellt sich die Frage, welche genaue Funktion der Kamm erfüllte. Werfen wir dazu erstmal einen Blick auf die Kämme der Lambeosaurinen. Bei diesen wird der Kamm aus dem Nasenbein und dem Zwischenkieferknochen (der sogenannten Prämaxilla) gebildet. Wie genau sich diese Strukturen entwickelt haben, wird kontrovers diskutiert.[3] Fakt ist nur, dass sowohl die ältesten bekannten Lambeosaurinen als auch der jüngste Verwandte der Lambeosaurinae (Lophorhothon) über solche Kämme verfügten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Kamm der Lambeosaurinen eine visuelle Funktion hatte und wohl bei der Balz eine Rolle spielte und dessen Erscheinung mit dem Alter und dem Geschlecht des Tieres zusammenhing.

Kammvariationen bei Lambeosaurus lambei. by Nobu Tamura under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Kammvariationen bei Lambeosaurus lambei.
by Nobu Tamura under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Als Beleg sei hierfür der Geschlechtsdimorphismus der Art Lambeosaurus lambei genannt.[4] Geschlechtsdimorphismus bedeutet, dass sich die beiden Geschlechter einer Art hinsichtlich ihres Erscheinungsbilds voneinander unterscheiden, wie es zum Beispiel bei den heutigen Hirschen der Fall ist.

Des Weiteren dürften die Lambeosaurinen auch in der Lage gewesen sein mit ihren Kämmen Laute zu erzeugen und eventuell auch zu kommunizieren. So waren die Kämme hohl und mit den Atemöffnungen verbunden. Durch ein 1998 von Wissenschaftlern des New Mexico Museum of Natural History and Science durchgeführtes Experiment konnten sogar die möglichen Laute von Parasaurolophus walkeri rekonstruiert werden.[5] Ein Nutzer auf YouTube hat das Ganze übrigens genutzt und die möglichen Geräusche einer Parasaurolophus-Herde während eines Sturms simuliert.

Jetzt aber wieder zurück zu E. regalis und dessen Kammfunktion. Inwiefern lässt sich sein „Weichteil-Kamm“ mit der knöchernen Struktur der Lambeosaurinen vergleichen? Der Kamm von E. regalis ist nicht mit den Atemwegen verbunden und ist auch sonst nicht homolog zu dem der Lambeosaurinen, die Möglichkeit zur Lauterzeugung fällt also schonmal weg. Was ist mit Geschlechtsdimorphismus? Schwer zu sagen, da UALVP 53722 ja das einzige bekannte Exemplar mit Kamm ist. Was man sagen kann, ist, dass das Tier mit einer geschätzten Schädellänge von 100cm wohl schon so gut wie ausgewachsen war (der größte bekannte E. regalis Schädel ist 106cm lang), der Kamm also vermutlich auch nicht sonderlich weiterwuchs. Nichtdestotrotz könnte der Kamm trotzdem eine visuelle Funktion gehabt haben.

Wenn man bei den nächsten Verwandten keine zufriedenstellende Antwort findet, kann auch nach anderen Tieren suchen, die eine ähnliche Struktur entwickelt haben. Die Autoren des Papers schlagen Vögel wie Kondore oder Hühnervögel vor.

Viele moderne Vögel wie Hühner haben auch einen Kamm aus weichem Gewebe. by Muhammad Mahdi Karim under GNU Free Documentation License

Viele moderne Vögel wie Hühner haben auch einen Kamm aus weichem Gewebe.
by Muhammad Mahdi Karim under GNU Free Documentation License

Tatsächlich werden die bekannten Kämme, wie sie z.B. beim Haushuhn zu finden sind, nicht durch Knochen, sondern wie bei E.regalis durch weiches Gewebe gebildet. Bei diesen Vögeln ist der Kamm ein sekundäres Geschlechtsmerkmal, also eine Struktur, die der Balz und dem Erkennen des anderen Geschlechts dient. Bei vielen modernen Vögeln sind diese Kämme bunt gefärbt und geben potentiellen Geschlechtspartnern und Konkurrenten Auskunft über die Gesundheit und „evolutionäre Fitness“ des Besitzers. Es könnte also sein, dass die gesündesten und „stärksten“ Tiere bei E. regalis besonders ausgeprägte und kräftige Kämme hatten, aber das bleibt Spekulation bis neue Fossilien auftauchen.

Wie auch Bell et al. schreiben, lernt man aus dem Fund von UALVP 53722 vor allem, dass es nicht wichtig ist, immer nur die Knochen freizulegen, sondern man auch ein Auge für die anderen Spuren im Gestein offen halten sollte. Wer weiß, wie viele Abdrücke von Weichteilen uns schon durch allzu eifrige Präparation entgangen sind.

Literatur

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